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Aussendezeitpunkt: Di, 18.05.99, 15:05 *
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Arbeit/Maenner-Frauen:

> Arbeit ist nicht nur Erwerbsarbeit

Kritik an Kurt Ahorns Artikel "Recht auf Arbeit!"
(akin 15/99 und akin-pd 6.5.99)

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Der Titel "Recht auf Arbeit! Was verstehen die InitiatorInnen des
Volksbegehrens eigentlich darunter?" klang verlockend, lud zum
Lesen ein. Also entschied ich mich, in den Artikel einzutauchen,
bemerkte aber bald, dasz dieser Artikel so seicht und
oberflaechlich ist, dasz es nicht einmal fuer ein intellektuelles
Fuszbad reichte. Waeren meine Erwartungen ueberzogen grosz
gewesen, und haette ich einen Hechtsprung gewagt, dann haette ich
mir meinen Kopf am Grund von Ahorns Gedanken blutig geschlagen.
Ein durchschnittlicher Artikel der Kronen Zeitung besitzt
ebensoviel Tiefgang, nur kaschiert er seine Plumpheit nicht durch
endloses Blabla. Insofern ist die Dummheit der Kronen Zeitung
ehrlicher als die von Ahorn. Da philosophiert dieser ueber die
Bedeutung des "Rechts auf Arbeit" und erwaehnt mit keinem einzigen
Wort, dasz er eigentlich das "Recht auf Erwerbsarbeit" meint.
Warum das ein intellektuelles Armutszeugnis sondergleichen ist,
warum mich diese Bloedheit so maszlos aergert, moechte ich kurz
ausfuehren.

Die grundsaetzlichste und folgenreichste Arbeitsteilung ist die
Trennung in eine bezahlte Lohnarbeit und in eine unbezahlte
Reproduktionsarbeit. Die Lohnarbeit, insbesondere eine weitgehend
sozial abgesicherte, relativ gut bezahlte und auf Dauer angelegte,
ist vor allem den Maennern vorbehalten, weil sie angeblich die
fuersorglichen Familienernaehrer sind. Die Frauen muessen sich
hingegen mit einer geisttoetenden und sozial als minderwertig
betrachteten Hausarbeit abfinden, weil sie angeblich so gerne ihre
Maenner bekochen und wie Rosen aufbluehen, wenn sie stinkende
Babypopos saeubern. Die finanzielle Abhaengigkeit von ihren
kleinen Wohnzimmerdiktatoren stoert sie nicht im geringsten, weil
sie ja alles aus Liebe tun. Hausarbeit als Liebesarbeit! Die
Reproduktionsarbeit schlieszt eben auch die sexuelle und nicht nur
die physische Reproduktion der gesellschaftlichen Arbeitskraft mit
ein. Die Frauen aber, die sich nicht aus dem Arbeitsmarkt draengen
lassen, werden ruecksichtslos diskriminiert und ausgebeutet.

Die Trennung von Produktion und Reproduktion ist nicht vor
Urzeiten vom Himmel gefallen und ist auch kein unumstoeszliches
Naturgesetz, sondern ein Produkt des Kapitalismus. Wenn man
Kapitalismus hoert, denkt man umgehend an den unversoehnlichen
Konflikt zwischen Lohnarbeit und Kapital, dasz aber mit dem
Aufkommen des Kapitalismus auch die Konfliktlinie zwischen den
Geschlechtern vertieft wurde, vergiszt man aber allzu oft. Wenn
man, wie Ahorn es getan hat, als links positionierte Person ueber
das "Recht auf Arbeit" nachdenkt, dann musz man zuallererst ueber
den Arbeitsbegriff an sich reflektieren. Wenn man stillschweigend
die Erwerbsarbeit als Masz aller Dinge nimmt, dann ist das nicht
nur bloed, sondern auch gefaehrlich, weil man eine wesentliche
Stuetze des Kapitalismus unberuehrt laeszt, namentlich das
Patriarchat. Wer Machstrukturen nicht erkennt, kann sie auch nicht
aendern!

Der Slogan "Recht auf Arbeit" hat einen Groszteil der Frauen schon
immer eher ratlos gestimmt. Auch ohne dieses "Recht" bleiben zwei
Drittel der gesamtgesellschaftlichen Arbeit an den Frauen haengen.
Ratlosigkeit plagte Ahorn beim Schreiben seines Artikels sicher
nicht, weil er nur die Erwerbsarbeit sieht, und die Haus- und
Eigenarbeit offenbar jenseits seiner Vorstellungswelt angesiedelt
ist. Sein kleiner Einschub, dasz das Recht auf Faulheit als eine
Aufforderung nach einer radikalen Arbeitszeitverkuerzung zu
verstehen sei, entlarvt seine Blindheit gegenueber der Hausarbeit.
Die Lohnarbeit soll gerechter verteilt werden, schreibt er. Dem
kann man nur zustimmen, aber was ist mit der Hausarbeit? Was tun
die Maenner mit ihrer freien Zeit? Sie widmen sich sogenannten
autonomen Taetigkeiten -- im Idealfall sind das kuenstlerische
Taetigkeiten -- bei Maennern in der Regel aber Saufen und
Pornovideos anschauen, waehrend die Frauen weiterhin fuer die
Hausarbeit zustaendig bleiben. Dasz das alles andere als eine
billige Polemik ist, kann man in Lafargues "Das Recht auf
Faulheit" selbst nachlesen. Das letzte Kapitel seiner Schrift
traegt den Titel "Ein neues Lied, ein besseres Lied". Dasz dieses
bessere Lied nur einem reaktionaeren Maennerchor gefallen kann und
fuer die Frauen die selbe alte Leier darstellt, wird deutlich,
wenn Lafague die kommunistische Gesellschaft mit dem Bild eines
Volksfestes beschreibt: Es wird "duftenden Kuchen und Braten"
geben, "Wein im Ueberflusz" und so weiter. Wer wird aber fressen
und saufen und wer wird die Fressenden und Saufenden bedienen?
Lafargue haelt mit der Anwort nicht hinterm Berg, die "brechenden
Tafeln" werden von "uebermuetigen Frauen bedient". Wenn das
Kommunismus ist, dann pfeif ich darauf! Damit es nicht soweit
kommt, darf man bei der Diskussion ueber das "Recht auf Arbeit"
nicht vergessen, dasz es eine tiefgehende Arbeitsteilung zwischen
den Geschlechtern gibt.

Resuemee: Da schickt sich Ahorn an, Kritik an den InitiatorInnen
des Volksbegehrens zu ueben, erzaehlt uns von den
Unzulaenglichkeiten der InitiatorInnen, erteilt Ihnen weise
Ratschlaege wie ein Oberstudienrat, bringt es aber nicht mal
fertig, an den wichtigsten Aspekt dieser Problematik, namentlich
der Trennung von Lohnarbeit und Hausarbeit, zu denken. Lieber
Ahorn, du hast dich aufgeblaeht wie ein Hornochse und heraus kam
ein Pfurz, der verdaechtig nach Patriarchat riecht.

PS: Zu dem Themenkomplex Hausarbeit faellt mir noch was ein, das
mir sehr am Herzen liegt und zwar die Frage, wie sollen wir Frauen
mit den Maennern umgehen, die aus welchem Grund auch immer einen
Teil der anfallenden Hausarbeit erledigen. Mir persoenlich ist es
unmoeglich, eine Lobeshymne fuer die Handvoll Maenner zu singen,
die gelernt haben von Zeit zu Zeit den Mistkuebel
hinunterzutragen. Mir kommen sie wie Zirkusaffen vor, die
irgendein kleines Kunststueck darbieten und dabei die geile
Hoffnung auf ein Stueck Zucker nicht verbergen koennen. Ist er
nicht suesz, wie er ein Viertel der Hausarbeit macht, das ist ja
so suesz und lieb, da musz ich aber schon seinen Spargel liebkosen
und meinen Ekel hinunterschlucken. So duerfen wir Frauen nicht
laenger denken. Mein Appell an alle Frauen: Gebt den Maenneraffen
nicht Zucker, nehmt ihnen die Macht! *Gabriele Oblonsky*



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> And now for something completly different

Zu obigem Artikel

Der Artikel von Gabriele Oblonsky erzuernt mich, obwohl ich ihr
inhaltlich nur zustimmen kann. Warum? Nicht, dasz ich harsche
Pamphlete nicht mag. Nein, wenn sie durchdacht und begruendet
sind, steh ich sehr drauf.

Durch die letzten Nummern der akin zog sich eine Diskussion ueber
das Volksbegehren "Recht auf Arbeit". Im Verlauf der Diskussion
wurde das Gleichsetzen von Erwerbsarbeit mit Arbeit -- soweit ich
mich erinnere sogar mehrfach -- kritisiert. Jedoch wurde diese
Gleichsetzung von einem Betreiber des Volksbegehrens bestaetigt.
Ahorns Kritik bezieht sich auf diesen Artikel. Dasz er nicht
erneut die Gleichsetzungsproblematik aufgegriffen hat, mag eine
Unterlassungssuende sein, aber neue Argumente sind wohl doch von
Interesse. Es kann nicht Sinn einer Diskussion sein, in den
einzelnen Beitraegen saemtliche Argumente, denen sich einE AutorIn
anschlieszen kann, zu wiederholen. Solche "mein ich auch"-
Bestaerkungen wurden in meiner politisch aktiven Zeit als
maennliches Diskussionsverhalten geoutet. Meiner Meinung nach
koennen und sollen diese Kritikpunkte auch von neuen Seiten
beleuchtet wiederholt werden, aber bitte an den richtigen
Adressaten.

Der zweite Kritikpunkt ist der sich offenbarende Sexismus des
Textes. Ich kann der Autorin durchaus folgen, dasz die
Hausarbeitsbemuehungen mancher Maenner Kunststueckchen von
Zirkustieren vergleichbar sind. Aber schon die Gleichsetzung von
Mann=Ehemann oder Lebensgefaehrte, bzw. eben ein keinen eigenen
Haushalt fuehrendes, von der Leibeigenheit "seiner" Frau
abhaengiges Wesen, ist genauso unzulaessig verkuerzt wie
Arbeit=Erwerbsarbeit. Auch sollte mensch beim Thema Hausarbeit
nicht die Diskussion darueber ausklammern, wieviel unnoetige
Hausarbeit anerzogenerweise von Frauen gemacht und folglich auch
von Maennern verlangt wird. Das notwendige Masz an Hausarbeit wird
sich nach dem Zweck der Wohnung richten: Statussymbol, Ort zum
Schlafen, oder Platz zum Leben. Nur allzu oft handelt es sich um
Statussymbole zu Repraesentationszwecken ("Mei, habz ihr a tolle
Wohnung"). Wenn die Wohnung doch ein Platz zum Leben sein soll,
sollten die Lebensentwuerfe in einer Beziehung harmonisiert
werden. Diese werden leider abseits der Erwerbsarbeitskarriere in
den meisten Beziehungen kaum thematisiert. Zumindest scheint mir
das bei den meisten mir bekannten Ehen meiner Elterngeneration und
auch in vielen Beziehungen meiner Generation der Fall zu sein.

Uebrigens ist die Unterstellung, Saufen und Pornovideos-Schauen
seien als Freizeitbeschaeftigung der Maenner die Regel, sofern --
wie ich vermute -- ernst gemeint, etwas dumm. Mag es auch eine
grosze Zahl an Maennern treffen, die Regel ist es deswegen noch
lange nicht. Ich habe mich allerdings schon oft gewundert, mit
welchen Maennern sich manche Feministinnen abgeben. Ist das
Helfersyndrom, geht es um den Beweis der (Un-?) Machbarkeit einer
Umerziehung oder bilden unzulaessig verallgemeinerte Erfahrungen
den Ausgangspunkt des Feminismus? *Gregor Dietrich*


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