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akin-Pressedienst.
Aussendungszeitpunkt: Mittwoch, 16. März 2016; 20:56
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Bolivien:

> Nach der Niederlage von Evo Morales

Bei der am 21. Februar dieses Jahres abgehaltenen Volksbefragung über eine
Verfassungsänderung, die eine erneute Kandidatur des bolivianischen
Präsidenten Evo Morales möglich und damit den Weg für seine Wiederwahl frei
machen sollte, stimmten nach Auszählung der Stimmen 51,3 Prozent gegen und
48,7 Prozent für eine Änderung. Damit hat Morales nach elf Jahren
Regierungszeit einen ersten herben Rückschlag im Hinblick auf die kommenden
Präsidentschaftswahlen 2019 erlitten. Anscheinend haben in der Mehrzahl
Indigene und Arbeiter*innen mit "Nein" gestimmt, die bisher immer die
treuesten Anhänger*innen der Regierung waren. Die Regierung und allen voran
Evo Morales stehen nach dem Sieg des "Nein" nun vor einer schwierigen
Situation.

Zum einen ist der aktuelle Vizepräsident Álvaro García Línera momentan der
einzige mögliche Nachfolger für das frei werdende Amt auf Seiten der
Regierungspartei MAS. Zum anderen ist die Regierung Morales' diejenige mit
dem höchsten Anteil indigener Repräsentant*innen in ganz Lateinamerika.
Diese Situation könnte sich nach der Wahl in vier Jahren wieder ändern.

Während einer Veranstaltung in der bolivianischen Provinz nahe Potosí
beklagte sich Evo Morales dahingehend: "Ich kann bis jetzt nicht verstehen,
dass einige Indigene, einige Werktätige mit der Rechten, mit Neoliberalen
zusammen (sind) und gemeinsam mit "Nein" stimmten. Die indigenen Völker und
Werktätigen, wir waren seit jeher Antikolonialisten und Antiimperialisten."


Ein politisch geteiltes Land

Das Hauptproblem Evo Morales´ während der Wahlkampagne zum Referendum läge
bei seiner Partei MAS (Movimiento al Socialismo), so der bolivianische
Soziologe und politische Analyst Jorge Komadina. Die MAS habe neben dem
bisherigen Regierungsgespann Morales/Linera keine neuen Führungspersonen
präsentieren können, was schließlich zu einer Polariserung der Wählerschaft
und damit einer Spaltung des gesamten Landes geführt habe, so Komadina.

Álex Contreras, ehemaliger Sprecher und Aktivist der MAS, riet seiner alten
Partei, diese politische Niederlage "mit Mut" anzuerkennen.


"Die Gringos kommen zurück"

Ganz anders klang der Regierungssprecher und bolivianische Vizepräsident
García Linera. Dieser konstatierte, man habe Morales die politische
Unterstützung entzogen und prophezeite: "Die Gringos werden zurückkommen,
die Landesverräter und die Mörder, und den Kindern wird man alles wegnehmen
und es wird kein Ziel mehr geben."

García Linera gilt momentan als einziger politischer Nachfolger, der Morales
für die MAS beerben könnte. Und das trotz seiner Vorliebe für apokalyptische
Metaphorik wie folgender: "Es gibt ein großes Wehklagen, die Sonne wird sich
verdunkeln, der Mond sich verstecken und alles wird in großer Traurigkeit
enden."


Zukunft des plurinationalen Projekts ist ungewiss

Auch wenn die Zukunft des politischen Projektes eines plurinationalen
Staates ungewiß ist, die politische Szenerie Boliviens bleibt vorerst
unverändert. Denn auch wenn Morales aus dem Referendum als Verlierer
hervorgegangen ist, haben immerhin 49 Prozent der Bevölkerung zu seinen
Gunsten gewählt. Und 51 Prozent der wahlberechtigten Bürger*innen Boliviens
stimmten zwar im Referendum mit "Nein", doch ist neben dem politischen
Projekt Evo Morales keine wirkliche Alternative sichtbar, wie der ehemalige
Regierungsberater Katu Arkonada zugab.

Für die MAS stellt sich nach der Ablehnung des Referendums durch die
Wählerschaft also die Aufgabe, neue politische Persönlichkeiten zu
etablieren, um das Projekt des plurinationalen Staates auch nach den Wahlen
2019 fortführen zu können.
(José Carlos Díaz Zanelli / poonal)

CC BY-SA 4.0. Dieser Artikel ist lizenziert unter Creative Commons:
Namensnennung-Weitergabe unter gleichen Bedingungen. Quelle:
https://www.npla.de/poonal/nach-der-niederlage-von-evo-morales



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