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akin-Pressedienst.
Aussendungszeitpunkt: Mittwoch, 19. Oktober 2011; 00:39
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Debatte:

> Bad Vibrations

Bin ich ein praepotentes Arschloch? Nein, natuerlich nicht, wer wuerde
eine solche selbstgestellte Frage schon bejahen? Aber dennoch ging mir
diese Frage bei der Wiener Demo am 15.Oktober durch den Kopf.

Doch von Anfang an: Den Redekreis zu Mittag am Heldenplatz hab ich
nicht besucht -- das war mir dann doch eine zu christliche Uhrzeit und
die ganze Angelegenheit sollte ja an diesem kalten Tag sowieso schon
lang genug dauern. Bei der Auftaktkundgebung am Westbahnhof dann eher
ein trauriges Bild, die knapp 2000 Leute verliefen sich ein bisserl
auf dem grossen Areal. Auf den ersten Blick war auch nicht so ganz
klar, worum es bei der Demo ueberhaupt geht -- syrische
Demokratiefahnen und ein Stand der Rettungshundestaffel beherschten
die Szenerie und irritierten ein wenig. Bei naeherem Hinsehen
erkannten man aber dann doch haeufiger Transparente mit den aus New
York bekannten 99%-Slogan. Dass das Ganze eigentlich der Aktionstag
war, den im Fruehling die Madrilener "Demokratie jetzt!"-Bewegung
initiiert hatte, war gar nicht zu erkennen. Aber im Sinne der
politischen Oekonomie passen Kapitalismuskritik und
Demokratisierungsforderungen eh gut zusammen und sind ja fast das
Gleiche.

Wie befuerchtet, waren es also in Wien nicht die revolutionaeren
Massen, die sich da zusammentrafen -- trotz der Tatsache, dass fuer
diesen Tag seit einem halben Jahr weltweit mobilisiert worden war.
Gut, man hat schon kleinere Demos gesehen und wenn man wenigstens ein
paar liebe Bekannte zum Tratschen hat, ist das alles nicht so schlimm.
Sind wir halt wieder mal die Avantgarde.

Die Demo geht gegen 16:30 los auf der ueblichen Route ueber
Mariahilferstrasse und Ring zum Heldenplatz. Dorten angelangt die
erste wirklich ungute Erscheinung: Ganz seltsame maennliche Gestalten,
mit extrem kurzen Haaren, deutlich mittels Schleife als Ordner zu
erkennen. Gut, man soll ja keine Vorurteile haben, aber gruselig waren
diese Figuren schon. Dass zumindest einer von ihnen, wie auf Indymedia
berichtet, schwarze Springerstiefel mit weissen Schuhbaendern getragen
habe -- ein ueblicherweise untruegliches Abzeichen fuer Neonazis --,
habe ich nicht bemerkt. Spaeter stellte sich dann heraus, dass
irgendeine an der Demoorganisation beteiligte Frau ganz offensichtlich
mit dem Chef einer Sicherheitsfirma bekannt ist, der diese Figuren
"solidarisch" geschickt hatte. Seltsame Angelegenheit das Ganze...
Allerdings waren schon im Vorfeld eigenartige Meldungen zu hoeren, die
sehr gut in dieses Bild passten. Er wolle zwar nicht, dass die FPOe
als Partei dort auftauche, "es duerfen aber alle Menschen als
Einzel-Individuen teilnehmen, und da ist niemand ausgeschlossen" war
einem Facebook-Posting des als Sprechers der Demoleitung Auftretenden
zu entnehmen. Najo...

Von einer Organisation war dann aber am Heldenplatz nicht mehr
wirklich die Rede -- denn die Demo war, aufgrund einer geaenderten
Route, schon um 17:30 am Platz der Abschlusskundgebung angelangt, die
eigentlich erst fuer 19 Uhr geplant war. Dann sinnloses Rumstehen.
Nach einer halben Stunde Diskussion wurde dann verkuendet, dass man
jetzt doch schon "in 20 Minuten" mit der Schlusskundgebung beginnen
wolle. Geplant war ein Redekreis mit "offenem Mikrophon" statt der
ueblichen Buehnenveranstaltung. Okay, mal was anderes. Allerdings war
dafuer die Bildung eben dieses Kreises offensichtlich unabdingbar --
moeglichst mit sich einander die Hand geben. Vorher wurde einfach
nicht mit den Reden angefangen. Mit diesem Bemuehen um den Kreis
verging noch eine halbe Stunde und ich bedauerte schon, mir keinen
Flachmann eingesteckt zu haben.

Doch die Organisation liess nicht locker. Der bereits erwaehnte
Demosprecher ging doch dann tatsaechlich zu jedem einzelnen
Grueppchen, um ganz eindringlich aufzufordern, doch bitte auch sich am
Kreis zu beteiligen -- da kam ich mir dann endlich vor, wie in einem
schlecht gefuehrten Montessori-Kindergarten. Die Stimmung war gepraegt
von einer autoritaeren Art, die aber krampfhaft mit "Peace &
Love"-Feeling verkauft wurde. Eine Freundin neben mir musste sich
staendig von einem Typen anbaggern lassen, der ihr ungefragt mitteilen
musste, dass er Christ sei. Vorher hatte sie schon ein seltsamer Guru
mit einem schamanischen Glueckszauber gesegnet. Ich stand nurmehr
lachend daneben, weil ich diese absurde Situation nur mehr mit meinem
letzten zusammengekratzten Humor aushielt.

Dann kamen die Reden. Fast musste man dankbar sein, dass die meisten
Redebefleissigten nicht wussten, wie man in ein Mikrophon spricht, und
man deswegen nicht viel davon verstand. Denn wenn dann doch mal was
deutlich rueberkam, waren es Aussagen la "Wir sind nicht politisch!"
Fuer die Rede Didi Zachs war ich dann hingegen sehr dankbar, da dieser
den "Unpolitischen" schonend wenigsten klar zu machen versuchte, dass
sie zwar ein langes Manifest verfasst haetten, dem aber schon das Wort
"Kapitalismus" etwas entbehre.

Ja und natuerlich wurde auch viel getanzt. Da habe ich ja nichts
dagegen. Schon Emma Goldmann wusste, dass auch der Protest freudig
sein darf und soll. Aber wenn dann nichts dahinter ist und nicht
wirklich Protest formuliert, sondern nur in einer aufgesetzten
Allerweltszaertlichkeit die eigene Befindlichkeit zelebriert wird und
solche Meldungen kommen wie: "Wir tanzen fuer Glueck und Liebe auf der
Welt", werde ich aggressiv. Wenn eine Demomobilisierung inhaltlich so
wischi-waschi ist, dass vollkommen unklar ist, worum und vor allem
wogegen es ueberhaupt geht, und man dann bei der Demo eher meint, bei
einem Rainbow Gathering zu sein, dann werde ich einfach grantig, so
sorry!.

Wer nach allen Seiten offen ist, ist nicht ganz dicht. Und mir fehlt
halt diese Offenheit. Ich bin wohl ein Traditionalist. Moeglicherweise
fehlt mir das Verstaendnis fuer das weiche Wasser, das den Stein
bricht -- und dann vielleicht auch noch das Mitgefuehl fuer den armen
Stein. Ja, da kann man mich halt doch als ein praepotentes Arschloch
ansehen. Aber damit kann ich eher leben, als mit so einer
Veranstaltung. Selbst wenn mir ein Thema noch so wichtig erscheinen
sollte: Wenn diese Leute abermals eine Demo organisieren sollten,
bleibe ich sicher daheim.
*Bernhard Redl*


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