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akin-Pressedienst.
Aussendungszeitpunkt: Dienstag, 19. Mai 2009; 18:21
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Debatte:

> Ueber die ganz bloeden Buben

In der akin-Redaktion entspann sich eine Diskussion, wie man auf die
Stoeraktion bei der Gedenkfeier in Ebensee reagieren soll. *Ilse
Grusch* und *Bernhard Redl* meinten daraufhin, ihre Debatte
verschriftlichen zu muessen:

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Bernhard: Mir kommt das Grausen. H.C.Strache meinte am Parteitag der
FPOe, er halte es fuer nicht angemessen, wenn Jugendliche im Alter von
14 bis 17 Jahren wochenlang in U-Haft genommen werden, wegen eines
Bloeden-Buben-Streiches. Weil irgendwie hat er recht. Ich weiss schon,
dass das Herr Strache aus einem ganz anderen Grund denkt als ich --
aber fuer sich genommen muss ich dieser Meinung zustimmen. Ja, als ich
die Ebensee-Geschichte gehoert habe, bin ich erschrocken beim
Gedanken, wie das fuer die dort ja auch anwesend gewesenen KZ-Opfer
gewirkt haben muss. Aber ist die Bedrohung mit den drakonischen
Strafen des Verbotsgesetzes fuer solch einen groben Unfug
gerechtfertigt? Werden die Buben im Gefaengnis gelaeutert? Lernen sie
da vielleicht Mitgefuehl oder wenigstens Geschichte? Hat das
Gefaengnis ueberhaupt je einen Menschen "gebessert"? Also ich weiss
nicht...

*

Ilse: Ja, mir kommt auch das Grausen, aber vor allem bei dem Gedanken,
dass das jetzt wieder "nur ein Dummerjungenstreich" gewesen sein soll.
Das hatten wir alles schon. Vor 80 Jahren. "Das geht wieder vorbei"
haben meine Grosseltern gemeint, bis es zu spaet war. Klar, mir ist
auch nicht wohl bei dem Gedanken, dass 16-jaehrige ins Gefaengnis
muessen, wo sie sicher nix Gutes lernen. Mitgefuehl und Anstand schon
gar nicht. Aber einfach so zur Tagesordnung uebergehen? Signalisieren
wir damit nicht, dass die Jugendlichen zwar viel Presse kriegen, ihnen
aber sonst nichts passiert - also haben sie das erreicht, was sie
wollten. Sie sind wer, fuer eine Viertelstunde. Und weiter geschieht
nichts. Also ich weiss nicht....

*

Bernhard: Na schoen, wissen wir beide nicht. Aber es ist einfach
typisch, wenn dem Staat in seiner Hilflosigkeit nichts anderes als
Haefen einfaellt. Da gibts ein paar Jugendliche, die sind angefressen
auf unsere Heuchlergesellschaft. Und da gibt es den
Staatsantifaschismus, der sagt, die mit den Hakenkreuzen, das sind
unsere Feinde. Natuerlich werden die Nazis fuer frustrierte maennliche
Jugendliche so interessant. Endlich mal ein richtig schoener Stachel,
wider den man loecken kann. Nebenbei werden auch so Typen wie der
Strache interessant, denn mit dem koennen sie sich identifizieren. Und
den halten auch so viele fuer einen Nazi, na, da ist vielleicht was
dran an dem.

Ich glaub nicht, dass irgendeine repressive Methode da sinnvoll ist.
Das Verbotsgesetz ist geschaffen worden, um eine Wiederkehr der alten
Nazis zu verhindern, die damals immer noch ausgezeichnete Netzwerke
hatten und ueber Wahlen oder einen Putsch vielleicht sogar wieder die
Regierungsmacht an sich reissen haetten koennen. Jetzt aber gegen
junge Menschen, die sich nicht spueren, die rebellieren wollen -- und
das ist ja wohl was Gutes -- mit diesem Dampfhammer loszugehen... Wie
gesagt, ich weiss nicht. Gesellschaftlich muesste man etwas machen,
ja, die Kids muessen spueren, dass sie der Gesellschaft etwas wert
sind, dass sie ernst genommen werden, dass ihre Ansichten nicht
irrelevant sind, sondern dass sie ganz konkret Einfluss nehmen koennen
auf diese Gesellschaft und dass dieser ihr Beitrag auch tatsaechlich
etwas bewirkt. Aber dann wuerde man dieser Nachkommenschaft ja eine
freiere Entwicklung zugestehen und das waere wohl ein bisserl mehr als
der Staat vertraegt. Nein, man sagt ihnen, dass man sie ernst naehme,
aber wenn sie dann wirklich etwas wollen, rennen sie gegen eine
Gummiwand. Natuerlich suchen die sich dann irgendeinen Gegner,
speziell die maennlichen Jugendlichen, ganz nach dem Motto "Viel
Feind, viel Ehr!" So macht man sich die Nazis! Mehr
vulgaer-antifaschistische Bildung an den Schulen nutzt da auch nix, im
Gegenteil, diese desorientierten Jugendlichen finden da sogar ihre
Heros!

*

Ilse: Ja, zugegeben, die Jugendlichen kriegen nichts vom Staat
signalisiert, ausser: Wir brauchen Euch zu gar nichts, nicht einmal
zum Krenreiben. Wir haben keine Arbeit fuer Euch, Eure Ausbildung ist
uns zu teuer, ihr geht uns auf die Nerven mit Eurer lauten Musik und
sowieso und ueberhaupt. Der Mechanismus ist mir schon klar, warum sie
auf den Strache reinfallen. Aber jetzt so zu tun, als koenne man da
gar nichts machen, das halt ich auch nicht aus. Was wir den
Jugendlichen signalisieren, wenn ihnen nichts geschieht, hab ich schon
gesagt, aber was signalisieren wir den Opfern dieser Angriffe damit?
Wir beleidigen sie noch einmal. Und das, obwohl wir doch behaupten,
auf ihrer Seite zu stehen. Nein, nein und noch einmal nein. Ich halt
das einfach nicht aus, wenn den "Lausbuben" jetzt wieder nichts
passiert. Und vor allem ihren "Hintermaennern". Wenn bei der
Strache-Demo dann von der Buehne herunter gesagt werden kann, schoen
langsam werde "Nazi" "ein Ehrentitel"...." (und das hat kein
Minderjaehriger gesagt) und auch das bleibt straflos, so ist das die
Folge. Ungern zitier ich den Hans Weigel: "Man darf schon wieder....",
aber er hat recht gehabt. Man darf schon wieder, und immer ein bisserl
mehr...

*

Bernhard: Aber ist das nicht auch typisch, wie die Linke mit dem
Problem umgeht? Wir sind ja richtig froh, wenn auch ein paar
deklarierte Naziskinheads auftauchen, weil da koennen wir besser
mobilisieren. Wir leben in einer Gesellschaft, die immer rigider wird,
wo man kaum mehr was dabei findet, wenn der Staat unsere eMails
mitliest oder von uns unsere Fingerabdruecke verlangt, wenn wir die
Grenze ueberschreiten wollen. Da bekommen wir keine Massendemos
zusammen. Auch in den Sozialfragen werden wir nicht so laut -- und
genau deswegen greifen die Rechtsextremen die Stimmen im Wahllokal und
auf der Strasse ab. Antifaschismus muss doch da wohl vor allem lauten,
einen wirklichen Protest gegen Obrigkeit und Kapitalismus
anzubieten -- die Jungnazis wollen etwas veraendern und sind den
Rattenfaengern in die Haende gefallen. Das muessen gar nicht unsere
Feinde, sondern sollten vielleicht unsere ersten Adressen sein. Ich
weiss schon, "des san Tretene", wies beim Konstantin Wecker heisst,
und die sind nicht so einfach anzusprechen. Aber genau dort muesste
angesetzt werden...

Nein, man darf nicht schon wieder! Aber die Methode schaut so aus: Der
Staat freut sich ueber ein paar dumme Buben, steckt sie in den Haefen,
und sonnt sich dann darin, aktiv antifaschistisch zu sein -- im Fall
Marcus Omofuma oder Seibane Wague schaut man dann weg. Die Buben von
Ebensee sitzen in U-Haft, aber die Zu-Tode-Bringer von Omofuma waren
nicht einen einzigen Tag im Gefaengnis. Ein toller Antifaschismus ist
das!

Okay, ich komm jetzt vom Hundertsten ins Tausendste und vielleicht
versuche ich abzulenken, dass ich auch nicht weiss, wie man konkret
mit diesen Jugendlichen umgehen soll. Ja, es ist unbefriedigend, wenn
man ratlos ist, aber aus reiner Ratlosigkeit jemanden einsperren? Wenn
wir Pech haben, versaut der Staat doch glatt wegen einer solchen
Bloedheit ihre Leben und die Nazis haben dann auch wiedermal ganz
tolle Maertyrer -- nein, da bin ich noch eher dafuer, gar nichts zu
tun als so einen groben Unfug.

*

Ilse: Du hast ja so recht -- ich aber auch. Ja, es ist unbefriedigend,
wenn man ratlos ist. Aber eingesperrt werden die Buben ja nicht, weil
wir ratlos sind, sondern weil sie ein Gesetz uebertreten haben. Und
das hat halt Konsequenzen. Das sollten sie schon begreifen. Weil sonst
lernen sie das nie. Manchmal mangelt es an den Basics, nicht nur bei
"denen da oben". Dass manche meinen, Gesetze gelten nur fuer die
anderen, kommt zugegebenermassen bei denen da oben haeufiger vor, weil
sie sich's richten koennen. Aber manchmal geht diese Meinung durch die
ganze Bevoelkerung: Man "darf" besoffen und/oder zu schnell Auto
fahren, sexistisch sein, die Ehefrau verpruegeln, Kinder sexuell
belaestigen, Steuer hinterziehen und den Staat auf andere Art
finanziell schaedigen, und eben: Nazi spielen oder sein. Manches davon
wird dann als "Aufbegehren gegen die Obrigkeit" interpretiert, und von
uns noch gutgeheissen oder zumindest toleriert. Bis man selber am
Zebrastreifen angefahren wird.... "Wenn wir Pech haben, versaut der
Staat wegen einer solchen Bloedheit ihre Leben..." Na, vielleicht hat
der Staat ihr Leben schon vorher versaut, vielleicht waren es auch die
Eltern -- nicht immer ist der Staat an allem schuld. Kann auch sein,
dass die Jugendlichen sich von den Obernazis jetzt verabschieden --
weil sie vielleicht im Haefen nix Gutes gelernt haben, aber halt auch
nicht mehr rein wollen. Und ihr Leben versaut haetten sie auch, wenn
sie bei den Nazis blieben. Oder macht es gluecklich, bei denen zu
sein?

*

Bernhard: Na, da nimmst du aber an, dass aus einem Jungnazi, wenn man
nichts macht, automatisch ein Altnazi wird. Das stimmt so nicht. Da
ist noch viel Entwicklung moeglich -- vielleicht ist es ja doch nur
Jugendtorheit und in ein paar Jahren tut es ihnen leid, was sie getan
haben. Menschen koennen sich entwickeln -- aber mit Gefaengnis
foerdert man das wohl eher nicht! Ja, es gibt ein paar Straftaten, da
moechte ich auch nicht zuschauen, aber ich wage jetzt die Behauptung,
dass der Grossteil des Verfolgungswillens des Staates nicht darauf
ausgerichtet ist, ein gedeihliches Miteinander zu gewaehrleisten,
sondern um das Oben und Unten zu sichern. Und da trifft er sich
perfekt mit den erwachsenen Nazis, die das auch wollen -- wir haben in
diesem Land zwei faschistische Systeme erlebt, die sich perfekt
wechselseitig zu Popanzen aufgebaut haben.

Nein, ich hoere immer wieder, wir Linken duerften nicht so
populistisch sein wie der Strache, wie duerften nicht die selben
Mittel anwenden wie dieser -- aber die Repression als Mittel zur
Loesung gesellschaftlicher Probleme ist uns la Strache recht. Das
kann es nicht sein...

*

Ilse: Ja, weiss ich eh, mir waer auch lieber, alle waeren vernuenftig
und einsichtig und taeten das Richtige, weil wir sie davon ueberzeugt
haben. Aber einen Strache und Konsorten kann niemand ueberzeugen.
Davon bin ich hundertprozentig ueberzeugt. Erstens weil er Dir nicht
zuhoert. Zweitens weil er so erfolgreich mit der bisherigen Linie ist,
dass er dran glauben muss. Drittens, weil er mit manchen Problemen,
die er anspricht, recht hat -- nicht recht hat er bei den Loesungen,
die er vorschlaegt. Viertens, weil er von den Herrschenden gebraucht
wird. Gaebs ihn nicht, taeten sie ihn glatt erfinden. Aber ich
schweife ab. Warum soll den Jugendlichen ihre Torheit leid tun, wenn
sie keine Konsequenzen hat? Das wird abgelegt in der Erinnerung unter
"Toll, was wir uns getraut haben", bei Bedarf hervorgeholt, ein wenig
aufpoliert und weitererzaehlt. Und dann sind sie wieder eine
Viertelstunde wer Besonderer. Menschen koennen sich entwickeln -- aber
dazu brauchen sie einen Anstoss. Und manchmal kann auch ein Tritt in
den Hintern ein Anstoss sein.

*

Bernhard: Um den Strache geht es mir ja gar nicht, den werd ich sicher
nicht ueberzeugen wollen, aber....

*

...und so weiter und so fort. Ein Endpunkt der Debatte war nicht
abzusehen, der Raum in der akin ist jedoch nur ein begrenzter. Aber
das p.t. Publikum ist natuerlich herzlich eingeladen, sich in der
naechsten Ausgabe ebenfalls an der Debatte zu beteiligen. ###


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