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akin-Pressedienst.
Aussendungszeitpunkt: Dienstag, 1. Februar 2005; 19:30
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Alles, was Recht ist:

> Tod durch Traenengas?

Der Fall Edwin Ndupus harrt immer noch einer unabhaengigen Untersuchung


Im vergangenen August kam es in der Justizanstalt Stein in Niederoesterreich
zu einem toedlichen Zwischenfall. Nach einem angeblichen "Tobsuchtsanfall"
verstarb ein 37-jaehriger Nigerianer. Laut Gutachten, das der nun abgesetzte
Chef der Wiener Gerichtsmedizin, Manfred Hochmeister, durchfuehrte, ist der
Tod durch ein multifaktoriell ausgeloestes Herzversagen eingetreten. Scharfe
Kritik an diesem Gutachten, an Hochmeister und am Einsatz des Traenengases
gab es heute, Dienstag, bei einer Pressekonferenz in Wien von Seiten des
stellvertretenden Klubobmanns Karl Oellinger.

Laut Justizministerium soll der Gefangene, der noch bis Februar 2005 eine
Haftstrafe wegen eines Drogendeliktes verbuesst haette, mit einem Brotmesser
auf andere Insassen und Justizwachebeamte losgegangen sein. Weil auch der
Einsatz von Traenengas und Pfefferspray nichts half, wurde er von den
Beamten festgehalten. Die Anstaltsaerztin verabreichte ihm eine
Beruhigungsspritze. Kurze Zeit spaeter trat bei dem Mann ein
Herz-Kreislauf-Stillstand ein, er starb. Im gerichtsmedizinischen Gutachten
Hochmeisters war die stressbedingte Belastung des Herzens auf Grund der
psychischen Erregungszustandes und die durch selbst zugefuegten Verletzungen
entstandenen "Fetteinschwaemmungen der Lunge" (Lungenembolie, Anm.) fuer den
Herzstillstand verantwortlich.

Oellinger bezeichnete die Vorgehensweise des Gutachters mehr als
fragwuerdig. Es gebe viele Widersprueche, die geklaert werden muessen. "Ich
halte das Gutachten fuer letztklassig", meinte Oellinger.

So beschrieb der Gutachter laut Oellinger, dass weder ueber einen Hautabrieb
noch ueber die Lungenluft, noch ueber mikroskopische Untersuchungen der
Lunge Traenengas festgestellt werden konnte. Dahingehend formulierte
Hochmeister jedoch: "Die im Lungengewebe festgestellten herdfoermigen
Blutaustritte sind auf eine gewisse Reizwirkung des Traenengases (...)
zurueckzufuehren." Auch haelt der Gutachter fest, dass die Zelle nach dem
Vorfall wegen der noch immer vorhandenen Traenengasrueckstaende nicht
inspiziert werden konnte. Hochmeister und das Justizministerium schliessen
nach Angaben Oellingers aber jede todesursaechliche Wirkung des Traenengases
"mit Sicherheit" aus.

Fuer den Einsatz wurde das Traenengasmittel Chloracetophenon (CN) verwendet.
Laut Oellinger gibt es in der toxikologischen und forensischen Literatur
genuegend Berichte, die feststellen, dass der Einsatz von CN-Gas in
geschlossenen Raeumen toedlich sein bzw. zu haemorrhagischen Lungenoedemen
fuehren kann. So seien die oedematischen Veraenderungen der Lunge nicht "auf
eine gewisse Reizwirkung" von Traenengas zurueckzufuehren, sondern auf eine
massive Schaedigung, meinte Oellinger.

Widerspruechlich sei fuer den stellvertretenden Klubobmann auch manche
Beschreibungen der Verletzungen. So werde u.a. ueber Blutunterlaufungen am
Kopf geschrieben. Wenig spaeter heisst es jedoch. "Es konnten aber keinerlei
Verletzungen am Kopf, im Gesicht, im Mundbereich (...) festgestellt werden,
die Hinweise auf eine allfaellige Misshandlung liefern wuerden." Auch gab
der Gutachter nicht den Grad der Fettembolie an. Ein deutscher Experte sagte
aber, dass dies eigentlich "state of the art" sei.

Dass der Gefangene nicht auf das Traenengas reagiert habe, ist laut
Oellinger nicht verwunderlich. Menschen, die ein Leber- oder Niederleiden
haben oder HIV-positiv seien, wuerden nicht die typischen Symptome - wie
Traenen der Augen - zeigen. Der Nigerianer war HIV-positiv.

Oellinger verlangt nun, dass der Akt zu dem Vorfall von einer unabhaengigen
Kommission oder Gericht geprueft wird. Zudem soll der Tod des Nigerianers
von einem - auslaendischen - Gutachter neu untersucht werden. Eine
dementsprechende Anfrage an Justizministerin Karin Miklautsch (F) in den
kommenden Tagen einbringen. Oellinger forderte auch, dass der Einsatz von
CN-Gas durch die Justizwache eingestellt wird.
(Gruener Klub/APA)

Weitere Materialien:
http://www.gruene.at/themen.php?tid=31377&kid=24&PHPSESSID=fbd45d0adb6f5b15ae42ab92c9038026



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