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Aussendezeitpunkt: So, 07.07.99, 14:46 *
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Kasten zu: Un revenu c'est un dû (s. akin-pd von heute):
 
 
> Wie sind die Arbeitslosen in Frankreich organisiert?
 
 
Ende der 80er Jahre wurden zwei Organisationen gegruendet:
 
MNCP: lokale Gruppen, oft Mitglieder von Christlichen oder Gruenen
 
APEIS: Hilfe und Solidaritaet in den kommunistischen Staedten um
die Arbeitslosen zu organisieren und den Aufstieg der Front
National u.a. in den Nebenstaedten von Paris zu bekaempfen, wo die

Armut wuchs.
 
AC! wurde Anfang 1994 gegruendet und mit dem ersten Marsch durch
Frankreich im Fruehling und die Demo in Paris an die 30.000
Personen versammelte. AC! entstand durch die Initiative von
Gewerkschaftern (linker Fluegel der CFDT, Groupe des 10, SUD PTT,
FSU) mit dem Wunsch eine foederative Organisation aufzubauen mit
Gewerkschaftern, Arbeitslosenorganisation, Organisationen gegen
die Ausschluesse und Wohnungsprobleme (so wie DAL oder CDSL), aber
auch der Menschenrechtsliga, der Confédération Paysanne (linke
Bauern Gewerkschaft) und Intellektuellen. AC! hat heute 187 aktive
Gruppen in ganz Frankreich.
 
Seit 1994 wurden viele Aktionen gegen Arbeitslosigkeit, Armut,
Ausschluss, Obdachlosigkeit organisiert: wie zum Beispiel in 1995
die Besetzung eines Immobilienblock in der Rue du Dragon (im
Lateinviertel von Paris). Von Dezember 1997 bis Maerz 1998 gab es
in Frankreich drei Monate Mobilisation. Es war das erste Mal, dass
Erwerbslose kaempften fuer ihre Rechte, und dass in der
Weihnachtszeit, wo die Medien in Frankreich, aber auch von den
anderen Laender Europa und sogar Asien, Zeit und Platz hatten fuer
uns.
 
In der Zwischenzeit hat sich AC! auf den europaeischen Plan
gelenkt mit dem "Europaeischen Marsch" von 1997: 50.000 Menschen
in Amsterdam von ganz Europa. Zwei Monate gingen die Arbeitslosen
durch Europa (und auch durch Frankreich) und bekamen Kontakte mit
Leuten, die die selben Probleme hatten und auch nicht wussten, was
Ihre Kraft ist. Sie trafen Gewerkschaftler, Abgeordnete,
Journalisten, ... Das war eine sehr reiche Erfahrung. Sie wurde
dieses Jahr auf eine kleinere Ebene wiederholt: Marsch Bruessel -
Koeln, Demo vom 29. Mai und auch ein europaeisches Parlament der
Arbeitslosen und prekaerer Beschaeftigung in Koeln.
 
Seitdem haben wir Kontakt und Interesse erweckt nicht nur in
Europa sondern auch in Japan, Korea, Brasilien, Kanada, ...
 
 
> Warum "Mobilmachung der Arbeitslosen"?
 
Einige Zahlen geben teilweise eine Antwort :
 
In Frankreich gibt es 3.200.000 Arbeitslose, davon erhalten
1.500.000 die Sozialhilfe von 2475 F (ca. oeS 5000 oeS, 1F sind
etwa 2,10 oeS) pro Monat vom Staat (die Armutsgrenze ist 3500F).
1.700.000 bekommen das Arbeitslosengeld von der Arbeitslosenkasse
(UNEDIC). Unter 25 Jahre bekommt man gar nichts. Der Mindestlohn
fuer 39 Stunden (SMIC) kommt auf 6798 F brutto (5386 F netto).
 
Die Anzahl der TeilzeitarbeiterInnen und ungeschuetzten
Beschaeftigten ist maechtig gestiegen und steigt immer mehr mit
dem neuen 35h-Arbeitsgesetz ("Loi Aubry"). Sie verdienen weniger
als der SMIC und nicht viel mehr als die Sozialhilfe. Die am
meisten betroffenen sind Frauen.
 
In Frankreich, mehr als anderswo, wird jede Aktion, jede
Mobilmachung die mehr oder weniger grosse Bedeutung hat, sofort
ein politisches Probleme und kann nur durch die Zentralmacht
geregelt werden. So war es der Fall mit den Streiken von November-
Dezember 1995, wie auch mit dem Arbeitslosenkampf von Dezember-
Januar 1998, und alle Aktionen der Bauern. Frankreich ist ein
zentralisiertes Land, die lokalen sowie die regionalen "Maechte"
haben keine Macht.
 
Was bedeutet Sozialbewegung in Frankreich? Seit Anfang der 90er
Jahre vermehren sich die sozialen Kaempfe und finden immer
groesseren Impakt bei der Bevoelkerung (auch wenn Sie viel
darunter leiden: wie zum Beispiel der Streik der Kraftfahrer oder
im Transportwesen).
 
In der selben Zeit, auf Grund der Schwaeche der franzoesischen
Gewerkschaften sind neue Strukturen entstanden. Kaum 10% sind
Mitglieder der Gewerkschaften. So entstanden:
 
- Koordination der Krankenschwester oder Studenten.
 
- neue Gewerkschaften wie F.S.U. (Lehrer), SUD (erst bei der Post,
wo sie jetzt am zweiten Platzt sind, gleich nach der CGT), Tous
Ensemble (linker Fluegel der CFDT)
 
- und Vereine wie : AC! und die anderen Arbeitslosenorganisationen
(MNCP, APEIS)
 
- DAL (Wohnungsprobleme)
 
- Droits Devants gegen die Ausschluesse
 
- RAS le Front gegen Front National und Le Pen
 
- Collectif National des Sans Papiers (Immigration)
 
- Collectif National des droits des femmes (Frauen Rechte).
 
Alle diese Organisationen werden in Frankreich bezeichnet unter
dem Namen "Les Sans" (d.h; Die Ohne, die Losen) seit Dezember
1997.
 
Die Politik von Jospin und der "gauche plurielle" (d.h. Mehrheits-
Linke mit PS, MDC, PC, Gruenen) geht in die selbe Richtung wie die
anderen Sozialdemokratischen Regierung in Europa: Arbeit und keine
Hilfe, mit der Idee: desto niedriger die Arbeitslosenhilfe desto
leichter werden die Arbeitslosen Arbeit annehmen mit geringem
Lohn.
 
Die Forderungen der Arbeitslosenbewegungen waren und bleiben :
 
- 3 000 F Praemie am Jahresende,
 
- 1 500 F fuer alle Sozialminimum,
- Arbeitslosengeld fuer die 18 - 25 Jaehrigen.
- Das alles sofort, und fuer spaeter den SMIC als Minimum fuer
Alle.
 
- Auszerdem die 32 Stunden-Woche (d.h. 4 x 8h, damit so viel wie
moeglich an Arbeitsplaetzen frei werden) anstatt 35 wie mit dem
momentanen Loi Aubry.
 
> Was war der Erfolg?
 
Leider kann man nicht sagen dass der Erfolg sehr gross ist. Aber
wichtige Punkte sind doch erschienen:
 
- Anerkennung der Arbeitslosen Organisationen
 
- Treffen mit Jospin, Martine Aubry, Gayssot (nach Dezember und
Januar 98)
 
- Die Sozialhilfe stieg in 1998 6% (anstatt 1+ 2%) und 3% Ende
des Jahres mit Rueckzahlung vom 1.1.98
 
- Gute Aufnahme in der Bevoelkerung, bei den Arbeitenden und den
Arbeitslosen. *******
 
 
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